Biennale 2016

Warum ausgerechnet eine Kunst- und Filmbiennale in Worpswede, dem renommiertesten Künstlerdorf in Deutschland?

Worpswede, einst ein kleines Dorf inmitten einer Moorlandschaft, über dem die Jahreszeiten, der Himmel und die Wolken wunderbare Farben und Formen schufen. Während die Bauern Torf stachen und ihn als Brennstoff nach Bremen veräußerten, entwickelten um 1900 immer mehr Maler, Literaten, Grafiker und Fotografen aus allen Teilen Deutschlands das kulturelle Kleinod Worpswede. Eine Künstlerkolonie entstand auf diese Art und Weise neben dem Torfland und den Ortsansässigen. Über mehr als 100 Jahre haben die unterschiedlichen Menschen den Ort geprägt. Veränderungen waren und sind unausweichlich, um dem „Dornröschenschlaf“ zu entfliehen.

2016 findet unter dem Motto „Transformers – Gäste aus der Ukraine“ die dritte Kunst- und Filmbiennale seit 2013 statt.
Vom 27. – 30. Oktober 2016 wird Worpswede erneut regionale und internationale Künstler zu einer viertägigen Veranstaltungsreihe begrüßen.

2014 besuchten zehn Worpsweder Künstler im Rahmen der zweiten Biennale das Künstlerdorf Kazimierz Dolny nur 100 km von der ukrainischen Grenze entfernt und stellten dort ihre Kunst aus. Dabei wurde die Idee geboren, 2016 ukrainische bildende Künstler, Literaten und Filmemacher zur Kunst- und Filmbiennale 2016 nach Worpswede einzuladen. Nach einjähriger Vorarbeit ist der Kulturaustausch zwischen Worpswede und Osteuropa gelungen.

„Transformer“ – Transformation, der Übergang von einem Stadium in ein anderes. Gerade in der bildenden Kunst, in der Literatur und im Film wird die Realität transformiert durch subjektive Wahrnehmungen von scheinbar allgemeingültigen Vorgängen. Das trifft auch auf gesellschaftliche Prozesse zu, sei es im sozialen, wirtschaftlichen oder Bildungsbereich.
„Transformers“ – Künstler aus Worpswede treffen auf Künstler aus der Ukraine. Worpswede verabredet sich mit Kiew und Lviv. Ein mutiger Schritt, überschreitet er doch Grenzen. Künstler aus einem Kulturort in Niedersachsen mit einer über 125-jährigen Tradition sind Gastgeber für Künstler, Menschen, die erst seit 1991 ihre politische Unabhängigkeit postulieren konnten. Auslöser dafür war der Fall der Berliner Mauer, der Zusammenbruch der Sowjetunion und anderer kommunistischer Satelliten-Staaten.

Panorama_Worpswede

Worpsweder Rathaus, „Kaffee Worpswede“, 1925 vom Bildhauer Bernhard Hoetger erbaut, Torfkahnfahrt auf der Hamme, Fotos: WFI, Studio 37

Erst mit dem 24. August 1991 erlangte das Land seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Die Transformation wurde nun eigenständig gestaltet, Beispiel 2004, die Orangene Revolution, Beispiel 2013 die Euromaidan-Proteste. Die Menschen in der Westukraine von Lviv bis Kiew orientierten sich an Europa während die Ostukraine von pro-russischen Separatisten beherrscht, die Annäherung an Russland suchte. Bis heute, 2016, ist dieser Transformationsprozess nicht beendet. Diese Auseinandersetzung um die nationale Identität ist in vollem Gange. Dieser Übergangsprozess spiegelt sich auch und gerade in den Künsten wider. Ein Beispiel dafür war in diesem Jahr der Eurovison Song Contest, bei dem die ukrainische Sängerin, Jamala, mit ihrem Song „1944“ auf die Geschichte ihres Landes hinwies. Die Ukraine gewann mit diesem Lied und seiner Interpretin den Eurovison Song Contest, ein Beleg dafür, dass die Menschen in über 30 Ländern, den Transformationsprozess in der Ukraine begleiten.

Worpswede mit seinen Künstlern begegnet bildenden Künstlern, Literaten und Filmemachern aus Osteuropa. Ein Kennenlernen, der Beginn eines Dialogs mit der Möglichkeit, persönliche und politische Kontakte für die Zukunft zu knüpfen. „Transformers“ ist ein ewiger Erneuerungsversuch in der Kunst, wie im „richtigen“ Leben. Wir lassen uns mit dieser Kunst- Filmbiennale 2016 darauf ein.