Gastland Polen

Gastland der Eröffnungsbiennale im Jahr 2013 war Polen, mit seinen berühmten Künstlerkolonien Kazimierz Dolny, Zakopane und Bronowice. Angeführt wurden diese Kulturorte von der Künstlerkolonie Szklarska Poręba/Schreiberhau, auch bekannt als „schlesisches Worpswede“. Bilder, Filme und die Geschichte der beiden Kolonien in ihrer künstlerischen Entwicklung verdeutlichten auf der Biennale 2013 gesellschaftliche Strömungen, die heute ganz Europa mit prägen.

Im Folgenden präsentieren sich diese Kulturorte mit einem kurzen historischen Abriß, beginnend mit der Gründungszeit der europäischen Künstlerkolonien, vom 19. auf das 20. Jahrhundert.

– Szklarska Poręba/Schreiberhau
– Kazimierz Dolny
– Zakopane

Die Künstlerkolonie Szklarska Poręba/Schreiberhau

Die Künstlerkolonie von Schreiberhau stellt ein besonderes Kulturphänomen dar. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert ließen sich hier die deutschen Dichterbrüder Carl und Gerhart Hauptmann, der Kunstmaler Hermann Hendrich – der Schöpfer der „Sagenhalle” nieder und der Ruf von Schreiberhau als „schlesisches Worpswede” wurde begründet. Nach 1945 versammelten sich hier zahlreiche polnische Künstler, die sich vom Genius Loci des Riesengebirges verzaubern ließen.

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Carl- und Gerhart-Hauptmann-Haus in Szklarska Poręba (Schreiberhau) , Foto: Carl- und Gerhart-Hauptmann-Haus

Einige wichtige Vertreter der im 19./20. Jahrhundert im Riesengebirge wirkenden Künstler sind die der Neoromantik verbundenen Maler Carl Ernst Morgenstern und Adolf Dreßler, der Schriftsteller Wilhelm Bölsche, die Komponistin Anna Teichmüller, der Dichter John Henry Mackay und der Soziologe Werner Sombart. Ebenso zu nennen ist Hermann Hendrich, Gestalter der berühmten mythischen Gemälde in der Sagenhalle von Schreiberhau. 1922 gründete sich die Künstlervereinigung „St. Lukas“, in der sich mehr als ein Dutzend Maler und Bildhauer zusammenfanden. Eine Tradition, die in der Künstlerkolonie auch heute fortlebt und von den Künstlern mit Leben erfüllt wird.

In Szklarska Poręba wirkt heutzutage ein reger Künstlerkreis, der sich in der Vereinigung „Nowy Młyn“ – Kolonia Artystyczna (Künstlerkolonie „Neue Mühle“) zusammenfand. 2005 wurde Szklarska Poręba Mitglied der Europäischen Vereinigung der Künstlerkolonien EuroArt. Seit 2007 finden hier in Kooperation mit der Kunsthochschule Breslau alljährlich Pleinairs und Festivals statt.

Im Rahmen der „Kunst- und Filmbiennale Worpswede“ schlossen Szklarska Poręba und Worpswede einen Vertrag über kulturelle Zusammenarbeit, der die beiden – scheinbar so weit entfernten Orte – verbindet.

Die Künstlerkolonie Kazimierz Dolny

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Ruine der mittelalterlichen Burg in Kazimierz Dolny an der Weichsel, Foto: WFI

Kazimierz Dolny war auf Initiative des Wilhelm Fraenger-Institut Berlin 2014 Gastgeber der Biennale und lud Worpsweder Künstler ein, ihre Werke erstmals in der traditionsreichen Künstlerkolonie zu präsentieren.

Kazimierz Dolny ist eine reizvolle, südlich von Warschau gelegene Kleinstadt, vierzig Kilometer westlich von Lublin. Seit Ende des 18. Jh. kamen zahlreiche Künstler nach Kazimierz, die von der Weichsellandschaft und vom Zauber des Ortes fasziniert waren. Kazimierz Dolny wurde bald zum beliebtesten Ort der Freiluftmalerei.

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Burgruine in Kazimierz Dolny, Foto: WFI

Die Künstler suchten nach Inspirationen in der einzigartigen Umgebung des Städtchens und entdeckten es für ein breites Publikum. Es darf behauptet werden, dass seit dieser Zeit Kazimierz Dolny sich als Künstlerkolonie etablierte. Die Blütezeit von Kazimierz fällt in die zwei Dekaden zwischen den beiden Weltkriegen. In dieser Zeit gründete sich in Kazimierz eine Studentengruppe der Warschauer Kunstakademie unter Obhut von Prof. Taeusz Pruskowski die „Bruderschaft St. Lukas“. Das gemeinsame Malen fruchtete unter anderem in einem Bilderzyklus zur Geschichte Polens, der 1939 in der Weltausstellung in New York präsentiert wurde.

Nach dem II. Weltkrieg wurde Kazimierz erneut zum Mekka der Maler und erfuhr jahrzehntelang regen Zuspruch als sommerliche Kulturhauptstadt. Der historische Nachlaß und das unaufhörliche Interesse der Künstler und Künstlerfreunde an Kazimierz führte 2000 zur Gründung der „Künstlerbruderschaft in Kazimierz Dolny“, die die dort ansässigen Künstler vereint.

Im Rahmen der I. Biennale in Worpswede schlossen Kazimierz und Worpswede eine Kulturpartnerschaft ab, die mit der Durchführung der Partner-Biennale in Polen mit Leben erfüllt wurde.

Die Künstlerkolonie Zakopane

Jaszczurówka Kapelle, Zakopan_Foto Ed 88

Jaszczurówka Kapelle, Zakopane, Foto: Ed 88

Die wissenschaftliche und touristische Entdeckung der Tatra setzte ein zu Beginn des 19. Jh. Für viele Polen verkörperte die Gebirgsgegend ein unabhängiges Polen, das zu dieser Zeit aufgeteilt war zwischen den drei Teilungsmächten – Russland, Österreich und Preußen. Die Berge galten als Symbol der Freiheit – ein Gedanke, der sich in allen Lebensbereichen, besonders in Kunst und Poesie, widerspiegelte.

1873 kam der bekannte Warschauer Arzt, Dr. Tytus Chałubiński, nach Zakopane. Er setzte sich für die Popularisierung der Tatra in Kunst- und Kulturkreisen ein. Durch sein Wirken gründeten sich zahlreiche Kulturinstitutionen, darunter 1888 mit dem Tatra-Museum das erste Regionalmuseum. 1890 ließ sich hier der Maler, Architekt und Kunsttheoretiker Stanisław Witkiewicz nieder. Auf ihn geht die Verbreitung des bekannten „Zakopaner Stils“ zurück, einer einzigartigen Mischung aus Jugendstil und Holzbauweise.

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Stanisław Witkiewicz, Selbstbildnis, ca. 1890

Bereits in der 2. Hälfte des 19.Jh. hatte sich Zakopane zu einem bekannten Kur- und Erholungszentrum entwickelt und war zudem Sitz der Künstlerkolonie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im Künstlermilieu von Zakopane zu großen Veränderungen. Politische Verwerfungen, insbesondere unter der kommunistischer Regentschaft Polens, sorgten für ein Auf und Ab der Künstlerkolonie.

In den 60er und 70er Jahren des 20. Jh. zählte die Künstlerszene über 60 Mitglieder, darunter herausragende Künstler der polnischen Avantgarde, die den Ruf Zakopanes als Hort modernen Kunstschaffens festigten.

Die künstlerische Tradition Zakopanes wird auch heute gepflegt und weiterentwickelt. In der Städtischen Władysław-Graf-Zamoyski-Galerie, im Tatra-Museum und in privaten Galerien werden Events und Ausstellungen aktueller in- und ausländischer Kunst präsentiert.

 

 

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