Zweite Kunst- und Filmbiennale mit Präsentation ukrainischer Werke in Museum am Modersohn-Haus eröffnet

Worpswede. „Jede Kultur ist einzigartig. Die Kultur kann alles über ein Volk und eine Generation erzählen.“ Mit diesen Worten begann Kateryna Ray ihre Rede im Rahmen der zweiten Worpsweder Kunst- und Filmbiennale, die im Austausch mit ukrainischen Künstlern unter dem Titel „Transformers“ steht. Eröffnet wurde die viertägige Veranstaltung und damit auch die erste Ausstellung, im Museum am Modersohn-Haus. Insgesamt sind drei Ausstellungen mit rund 65 Werken von zeitgenössischen Künstlern aus der Ukraine und Worpswede zu sehen. Darüber hinaus finden Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen statt.

Die erste Worpsweder Biennale, die sich organisatorisch als sehr umstritten erwies, fand 2013 mit Gästen aus Polen statt. Zu einem Gegenbesuch der Worpsweder Künstler in Polen kam es dann im Jahre 2014. Initiator und Organisator der Veranstaltung ist der Berliner Professor Jürgen Hasse, der Leiter des Wilhelm Frenger-Instituts. Den Idealen Frengers folgend hat es sich die Stiftung zur Aufgabe gemacht, kulturelle Projekte zu fördern. Durch die weitere Unterstützung verschiedener Sponsoren konnte das Projekt, das mehrfach verschoben werden musste, letztendlich finanziert werden. Der Umfang der Ausstellungen und des Rahmenprogramms fallen deutlich kleiner aus als 2013, die Eintrittspreise sind reduziert worden. Die Gemeinde Worpswede selbst ist nicht mehr an der Biennale beteiligt. Bürgermeister Stefan Schwenke bemerkte, dass er froh sei, dass die Veranstaltung trotz widriger Umstände stattfände. Ihm sei es wichtig, „eine Brücke zwischen Ost und West auf der kulturellen Ebene zu bauen“.

Dass ein solcher Austausch für die Künstler aus der Ukraine von besonderer Bedeutung ist, konnte die Generalkonsulin Oksana Tarasyutz von der ukrainischen Botschaft in Hamburg sehr eindringlich vermitteln. Sie blickte kurz zurück auf die 25-jährige Geschichte des jetzigen Staatsgebildes, die mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit begann und verschiedene „Transformationen“ durchgemacht habe. Gerade erlebe das Land die schwierigste Zeit seiner Geschichte. In diesen Zeiten spiele der Kontakt zu Deutschland eine große Rolle. Die ukrainischen Künstler interpretieren die gesellschaftliche und kulturelle Transformation in der Ausstellung, mit der sie die Lebendigkeit ihrer Kultur zeigen wollen.

Ausgangspunkt des Projektes ist der Zusammenbruch der Sowjetunion als umfassendes System. Dadurch wurden Transformationen ausgelöst, die in einem großformatigen Gemälde von Oleg Tistol thematisiert werden. Das Bild mit dem Titel „Roksolana“ wurde zum Symbol des Endes einer untergehenden Ära. Mit der stilisierten Darstellung einer legendären ukrainischen weiblichen mythologischen Figur in Kombination mit Geldnoten, gilt die Auseinandersetzung des Künstlers der „Schönheit von Stereotypen“ ebenso wie mit dem ukrainischen Geld.

Oleksandr Babak thematisiert das einfache Leben der Landbevölkerung und das Dorf als einen Ort, der den Menschen die Möglichkeit gab, in einer gewissen Freiheit zu leben. Das Verschwinden der Dörfer, so die Kuratorin in ihren Ausführungen, war Teil des sowjetischen Regierungsprogramms. Hier zeigt der Künstler alte Menschen eindringlich dargestellt als Schwarz-Weiß-Druck auf transparentem Papier. Diese Darstellung wirkt besonders eindrucksvoll, wenn sie gleichzeitig ein zartes Schattenbild auf die Wand wirft und so das allmähliche Verschwinden symbolisiert wird.

Auf dem Ölgemälde von Oleksandr Gnylytskiy erscheinen Hochhäuser unter einem grauen bedrohlichen Himmel. Sie wirken wie durch einen Zerrspiegel gesehen, wölben sich, verlieren ihre Form und Stabilität als wären sie kurz vor dem Zusammenbruch. Sicher befinden sich auch in diesen Häusern zahlreiche Küchen, die oft als einzige Rückzugsorte galten, in denen sich Künstler und Freigeister kritisch über das Regime äußerten und einander ihre Arbeiten zeigen oder verbotene Texte lesen konnten. Dies will das Gemälde von Marina Skugareva, das einen Blick in eine Küche bietet, erzählen.

Mit einem eindringlichen Selbstbildnis zeigt der schon früh verstorbene Maler Oleg Golosiy sich mit halb verschlossenen Augen, die sich vielleicht schließen wollen, vor den Geschehnissen, gleichzeitig aber auch von Furcht und Entsetzen sprechen.

„In ihrer barocken Haltung aus Tragik und Tiefgründigkeit rufen die ukrainischen Künstler heute aus: Die Ukraine ist nicht länger eine kulturelle Kolonie, sondern selbst sinnstiftend“, bemerkt die Kuratorin Kateryna Ray im Katalog. Alles verändert sich und mit der Ausstellung „Transformers“ vielleicht auch die Wahrnehmung des Betrachters für die ukrainische Kunst. Die Ausstellung im Museum am Modersohn-Haus ist bis zum 15. November zu sehen.

„Die Kultur kann alles über ein Volk und eine Generation erzählen.“
Kuratorin Kateryna Ray

Copyright: WESER-KURIER
Autorin: Donata Holz