Rilke und Russland

Der Name des Dichters Rainer Maria Rilke ist auf das Engste mit Worpswede verbunden. Hier schrieb er 1902 seine wegweisende Monografie über Worpswede. Hier lernte er seine spätere Frau kennen und hier pflegte er seine Künstlerfreundschaften auf Heinrich Vogelers legendärem Barkenhoff. Weniger bekannt ist seine Leidenschaft für Russland.

Russisch war die erste Fremdsprache, in die Rilke übersetzt wurde. Ein russischer Nobelpreisträger, nämlich Boris Pasternak, der Sohn des Malers Leonid, bekannte sogar, überhaupt nur wegen Rilke zum Schriftsteller geworden zu sein.
Insgesamt zweimal, 1899 und 1900, bereiste Rainer Maria Rilke mit seiner Geliebten Lou Andreas-Salomé Russland. Ihre Reise führte sie u.a. nach Moskau und Sankt Petersburg und die Wolga hinauf. Die Reiseerfahrung Russlands fand starken Eingang in Rilkes Literatur. Rilkes Reisen lösten einen schöpferischen Schub ohnegleichen aus. Überdies legten sie ein Fundament für Rilkes bis ans Lebensende anhaltende Hingabe an alles Russische. Es sind vor allem Begegnungen mit Menschen, die Wolgalandschaft und die orthodoxe Kirchen, die Rilke zur dichterischen Schwärmerei führten.
Er selbst betonte noch 1920 „Russland hat mich zu dem gemacht, was ich bin, von dort ging ich innerlich aus, alle Heimat meines Instinkts, all mein innerer Ursprung ist dort“.

Russland um 1900 wurde auch damals schon zum Gegenbild des industrialisiert-dekadenten und zivilisatorisch-erschöpften Westens stilisiert. Den Russen unterstellte man, eine unmittelbare Beziehung zu Gott und der Natur: Nur Russen, so schien es, konnten zur kulturellen, geistigen und religiösen Erneuerung Europas etwas Wesentliches beitragen. Halb Westeuropa hat diesen Traum, der in den populistischen Sympathisanten bis heute weiterspukt, damals geträumt. Russland übte auf viele Europäer eine große Anziehung aus, denn sie verbanden etwas Ursprüngliches mit diesem Land. Russland war “ein Sehnsuchts- und Hoffnungsraum wie zur gleichen Zeit die Südsee-Inseln, wie das antike Griechenland und Italien in der Goethezeit oder das Mittelalter und Indien in der Romantik”, vermerkte der künstlerische Leiter der Ausstellung „Rilke und Russland“, 2017. – Was Italien für Goethe war, mag Russland für Rilke gewesen sein.

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