Die Künstlerkolonie in Kazimierz  – Eine Bestandsaufnahme

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Das Erscheinungsbild des heutigen Kazimierz unterscheidet sich kaum von jenem Kazimierz wie es noch vor zehn oder zwanzig Jahren war. Neue Bauten entstanden und die Bewohner stellten sich nach 1989 noch stärker auf den Zustrom der zahlreichen Touristen und auf die heimischen Künstler ein. Kazimierz war bei den Künstlern von jeher beliebt, seine Künstler aber waren verstreut, von einer Künstlergemeinschaft konnte keine Rede sein. Veränderungen stellten sich ein, als das Muzeum Nadwiślańskie (Museum an der Weichsel) 1999 den I. Sommersalon organisierte. In dieser Ausstellung wurden erstmals die Werke von über 30 Malern präsentiert, die mit Kazimierz verbundenen waren. Unverhofft stellte sich heraus, das man durchaus von einem Künstlermilieu sprechen konnte – mehr noch: dieses Milieu existierte tatsächlich. Statt einzelner Bäume sah man endlich den Wald. Wie von selbst ergaben sich gemeinsame Unternehmungen und ein stärkerer Zusammenhalt der Künstlerszene. Die positiven Effekte, die aus solchen gemeinsamen Aktivitäten resultierten, machten deutlich, wie inspirierend sich die Gemeinschaft für die Künstler auswirkte, die bislang für sich geblieben waren. Bereits im Jahr 2000 gründete sich unter dem Namen Kazimierska Konfraternia Sztuki (Künstlerbrüderschaft in Kazimierz) eine Vereinigung, der schon an ihrem Gründungstag etwa 50 Künstler und andere Kunstsinnige beitraten. Von Beginn an ist die Bruderschaft eine Künstlergemeinschaft, deren Mitglieder sich der Stadt Kazimierz Dolny besonders verbunden fühlen.

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Der Begriff einer Künstlerkolonie begann zu greifen, das Städtchen wurde nun unter dem Gesichtspunkt der Kunst betrachtet und das Bewußtseine wuchs, dass diese Definition die über zwei Jahrhunderte währende Kunsttradition von Kazimierz am besten beschreibt. Die Bruderschaft sah sich im Geiste dieser Tradition. Die ersten Schritte der Bruderschaft fanden glücklicherweise die institutionelle Unterstützung des Museums an der Weichsel. Im Herbst 2000 wurde in der Museumsgalerie „Dzwonnica“ (Glockenturm) die erste Ausstellung der Mitglieder der Bruderschaft unter dem Titel „Prezentacje“ eröffnet. Während dieser Ausstellung nahm die Idee eines gemeinsam von den Mitgliedern gestalteten Gemäldes Form an.
Im Winter 2001 begannen 16 Maler der Bruderschaft unter den Blicken des Publikums an einem großformatigen Gemälde von zwei mal fünf Metern zu arbeiten. Es erhielt den absurden Titel: „Wo Shakespeare tatsächlich wirkte, oder die unbekannten Karten aus der Geschichte von Kazimierz“. Dieses Werk machte die Künstlerbruderschaft landesweit bekannt und war ausdruckvolles Beispiel eines gemeinsamen Schaffens, das zugleich Raum ließ für individuelle Kreativität. Das Gemälde wurde zu einer Art Visitenkarte, denn hier erklärte sich bildhaft ihre Philosophie.
Die Künstlervereinigung verkündete keine Manifeste, auch künstlerische oder ideologische Programme liegen ihr fern; vielmehr will sie ihre Mitglieder in keiner Weise einengen. Die Bruderschaft greift in selbstverständlicher Weise auf den in Kazimierz geborenen Künstlerkreis um Prof. Tadeusz Pruszkowski und die Bruderschaft St. Lukas zurück. Dabei handelt es sich nicht um eine Nachahmung alter Strukturen, sondern die Bruderschaft versteht sich als Rahmen für eine zeitgenössische Existenz- und Schaffensform des Künstlerkreises. Historische Vorbilder werden in die heutige Realität transformiert. Anders ausgedrückt: Das Programm der Künstlerbruderschaft in Kazimierz ist die Stadt Kazimierz selbst.
Man erinnere hier an die Worte von Prof. Tadeusz Pruszkowski von 1939: „Kazimierz wird im Baedeker zu einer Stadt, die Pflaumen und Bilder herstellt, so wie Brüssel Spitzen und Łódź Textilien produziert.“ Dieser fast zu häufig zitierte Satz erzeugte ein negativ gefärbtes Bild von Kazimierz. Brüssel wird heute mit anderen Dingen assoziiert, in Łódź werden kaum mehr Textilien hergestellt und Pflaumen gibt es in Kazimierz eigentlich nur auf dem Markt. Aber Bilder…, Bilder entstehen in Kazimierz noch immer. Dies ist – unabhängig von der Bewertung – eine kulturelle Besonderheit.
Eine andere Eigenschaft, die die heutige Künstlerbruderschaft von Professors Tadeusz Pruszkowskis Schülern übernahm, ist die Wertschätzung der zwischenmenschlichen Beziehungen, der gegenseitigen Unterstützung und Zusammenarbeit. Sichtbarer Ausdruck dessen waren die karitativen Auktionen, die die Bruderschaft zahlreich organisierte. Es begann bereits vor der offiziellen Eintragung der Vereinigung, als 1999 eine Auktion zugunsten eines bedürftigen Kollegen veranstaltet wurde. Die Erträge aus derartigen Auktionen sind für Bedürftige bestimmt; diese Veranstaltungen gehören zu den markantesten Aktivitäten der Bruderschaft. Die Erlöse kamen erkrankten Kollegen zugute, aber auch Opfern von Bränden, Überschwemmungen und Ähnlichem. Außerdem gehören Veranstaltungen zugunsten des Hospizes und des Kinderkrankenhauses zum festen Programm. Die dritte Art der Auktionen, die für alle Einwohner von Kazimierz von Bedeutung ist, sind Versteigerungen, mit deren Erlös der Erhalt hiesiger Baudenkmäler unterstützt wird. Sie bekräftigen die Existenz der Künstlerbruderschaft im städtischen Leben. Die Aktivitäten der Bruderschaft reichten oft über Kazimierz hinaus, indem sie Ausstellungen in Lublin, Warschau, Białystok, Zambrów oder Szklarska Poręba organisierte. So nahm die Vereinigung auch an Ausstellungen teil, die von euroArt veranstaltet wurden wie 2009 in Kevelaer, 2011 in Tervuren und 2013 in Worpswede.
Selbstverständlich gibt es auch Ausstellungen in Kazimierz. Die größte alljährliche Veranstaltung, die zugleich ein Happening darstellt, ist die seit 2009 stattfindende Aktion „Kanał Sztuki“ (Kunstkanal). An dieser besonderen Ausstellung nehmen nahezu alle Mitglieder der Bruderschaft teil. Veranstaltet wird sie unter freien Himmel im steinernen Flussbett des Flusses Grodarz. Aus diesem Anlaß wird der trockene Kanal zum größten Ausstellungssalon von Kazimierz. Zugleich ist es der größte Event im Rahmen des Film-und Kunstfestivals „Zwei Ufer“, mit dem die Künstlerbruderschaft eng zusammenarbeitet. Der Kunstkanal, der 2014 bereits zum . Mal stattfindet, erlaubt einen breiten Einblick in das vielfältige Kunstschaffen von Kazimierz. Die Veranstaltung ist eine Antwort auf das immer noch vorherrschende Klischee, man male in Kazimierz immer dasselbe und immer auf dieselbe Art und Weise. Heutzutage wird das eigenständige Profil eines eigenständigen Schaffens immer besser sichtbar. Es gründet sich auf eine eigene Tradition, deren Inspirationsquelle allein in Kazimierz zu finden ist.
Dr. Waldemar Odorowski (Kunsthistoriker)

Von den zahlreichen Kunstschaffenden, die in Kazimierz Dolny leben oder arbeiten, werden vierzig Künstler in der Ausstellung „Zeitgenössische Künstler“ im Museum an der Weichsel präsentiert. Stellvertretend stellen wir aus dieser Gruppe zwei Künstler der jüngeren Generation vor:

Künstler aus Kazimierz Dolny:
Agnieszka Mitura
Jan Michalak

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